logoblogg.de • autotest.de 

Donnerstag, 20.10.2005

Verdrängter TV-Skandal um Günther Jauch

Winter 1995/96 - Michael Born gerät wegen gefälschter TV-Beiträge ins Visier der Staatsanwaltschaft Koblenz. Einige Monate später muss er sich wegen 23 getürkter TV-Beiträge vor Gericht als mutmaßlicher Betrüger verantworten.

Winter 2005/06 auch ein Jahrzehnt nach der größten Betrugsserie am Zuschauer geht die Branche diesem Kapitel deutscher Mediengeschichte aus dem Weg.

 Vom Star-Moderator Günther Jauch - seine Sendung stern TV war Hauptabnehmer der so genannten ?Fakes? -, bis hin zum verstorbenen Chef des ZDF-Magazins Frontal Bodo Hauser. Anfragen werden mit Schweigen beantwortet, Rückrufe passieren gar nicht oder wenn, dann mit eingeschränkter Auskunftsbereitschaft.

Wie sonst sollte dies gewertet werden, wenn nicht als Indiz dafür, dass die Affäre, die Zuschauer, Medien und Politik genau ein Jahr 1996 lang in Atem hielt und den TV-Journalismus erschütterte, nach wie vor Unbehagen auslöst?

Umso erstaunlicher, dass nach Borns Verurteilung zu vier Jahren Haft weder die Hintergründe um die Fakes und den Prozess noch die Konsequenzen daraus öffentlich je wieder eine Rolle spielten.

Ein aktueller Medienkrimi, der im Jubiläumsjahr der Privaten startet, begibt sich auf Spurensuche: Wie konnte sich eine Affäre in wenigen Tagen zu einem veritablen Skandal aufschaukeln? Warum wurde Günther Jauch zum Spielball der Medien. Wieso lieferte sich die sonst eher vornehme deutsche TV-Prominenz ein einmaliges Gefecht, bei dem es nicht immer eben subtil zuging? Und warum wurden die Verantwortlichkeiten bis heute nie geklärt?

Vorab eine Leseprobe:

Rückblick

 Januar 2004: Die privaten Fernsehsender feiern 20. Jubiläum. Beispiel RTL: Die Station, die sich ab 1984 am erfolgreichsten neben ARD und ZDF etabliert hat, zeigt in zwei Jubiläumsshows ?die größten Stars, die schönsten Momente und die lustigsten Pannen? aus der TV-Geschichte. Gastgeber Oliver Geissen begrüßt neben Thomas Gottschalk, Marcel Reif oder Mike Krüger auch Günther Jauch. Der verkörpert wie kein Zweiter den Aufstieg des deutschen Privatfernsehens: Schmunzelnd schildert der TV-Star, der jahrelang zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Stationen hin und her wechselte, seine Erfahrungen aus den letzten beiden Jahrzehnten deutscher Mediengeschichte.

 

Heute sind RTL Television, die Pro SiebenSat.1 Media AG - im August 2005 nach exakt zweijährigem Intermezzo in der Hand einiger Investoren um den israelischen Milliardär Haim Saban an die Axel Springer AG veräußert -, die Musikkanäle Viva und MTV, der Sportsender DSF, der Nachrichtenspezialist n-tv oder der Familiensender Super RTL aus der deutschen Medienlandschaft nicht mehr fortzudenken. Sie sind zentrale Player in der Medienwirtschaft, erlösten zusammen im Jahr 2004 netto über 3,5 Milliarden Euro Werbegelder (laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft), während sich die öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit knapp 294 Millionen Euro begnügen musste.

 

Gleichzeitig lehrten die Kommerziellen die per Zwangsgebühr finanzierten ARD und ZDF mit innovativen Formaten das Fürchten: Auf die Krawallshow Der heiße Stuhl, ab 1991 bei RTL zu sehen, schießt sich die TV-Kritik ein; Reinhold Beckmann macht 1992 die Bundesligaspiele für Sat. 1 zum Zuschauermagneten; RTL inszeniert im Gegenzug die Formel 1 zum Rennzirkus; der satirischen Late Night Show mit Harald Schmidt wiederum bei Sat. 1 kann bis zu deren plötzlichem Ende im Dezember 2003 niemand etwas entgegensetzen. 

 

Die Öffentlich-Rechtlichen trudeln unterdessen in eine Dauer-Identitätskrise. Das ZDF sendet am jugendlichen Zuschauer vorbei, entwickelt sich zum Lieblingssender der ?Kukident-Generation?, wie Ex-RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma einmal ironisch anmerkte.

 

Nicht nur Bürger, sondern auch Politiker fragen, ob eine quasi automatische Erhöhung der Rundfunkgebühren angesichts von Leistung und Angebot bei ZDF und ARD noch zu rechtfertigen ist. Genau darüber liegen die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), die  Ministerpräsidenten der Länder und die Privatsender mit schöner Regelmäßigkeit miteinander im Clinch.

 

Vielen geht der öffentlich finanzierte Expansionsdrang in Wirtschaftsfelder, die nichts mehr mit dem Auftrag zur Grundsicherung der Meinungsvielfalt zu tun haben, zu weit. Beispiel Spartenkanäle: Aus welchem Grund rufen ARD und ZDF etwa im Frühjahr 1997 den ?Kinderkanal? ins Leben? Wohl doch, um dem Ende 1998 nach wenigen Jahren eingestellten US-Kindersender ?Nickelodeon? die Refinanzierung durch Werbung schwer zu machen.

 

Tatsache seit Langem ist auch die Angleichung der Inhalte zwischen den privaten und öffentlich-rechtlichen Stationen. Keine Talkshow im Programm der Privaten, die nicht von staatlich alimentierten Sendern adaptiert worden wäre. Bei der ARD pubertieren Teenies in der Seifenoper Marienhof, bei RTL machen sie sich seit über einem Jahrzehnt in Gute Zeiten, schlechte Zeiten Gedanken über Liebe, Sex und Leidenschaft.

 

Auch in einer der Domänen von ARD und ZDF, der Information, bieten die privaten Magazine Spiegel TV, stern TV  oder Focus TV der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz wie beispielsweise Frontal, Monitor oder Kontraste Paroli. Ausnahme: Die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenbastionen Tagesschau und heute. Zu denen konnte in puncto Zuschauergunst nur RTL aktuell annähernd aufschließen.

 

Über 20 Jahre kommerzielles TV-Programm - ein Boom für die ganze Medienbranche: ob Moderatoren, Redakteure oder Produktionsgesellschaften, Print, Hörfunk oder Public Relations. In den 90er-Jahren scheint es, als seien dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Als dann 2002 die graue Eminenz der deutschen Medien, Leo Kirch, mit seinem Imperium aus Verlagen, Sendern wie Sat.1 oder Pro 7, diversen Vermarktungs- sowie Produktionsgesellschaften und der größten Filmbibliothek weltweit in die Pleite schlittert, ist die Blase vom unendlichen Wachstum bereits geplatzt.

 

Bis dahin herrschte lange Zeit Goldgräberstimmung. Die Medien - ein Dorado, in dem sich immer wieder kleinere Skandälchen wie um das Thema ?Reality TV? im Jahr 1992 ereigneten, aber auch veritable Skandale, die eine ganze Fernsehnation erschütterten.

 

Ein solcher zeichnet sich im Winter 1995 ab. Und es ist symptomatisch für das Selbstverständnis der Branche, dass diese zwar nichts so sehr liebt, wie Pleiten, Pech und Pannen anderer genüsslich und in Zeitlupe auszukosten, sich aber beim Kehren vor den eigenen Sendertüren zurückhält.

 

Es ist daher aus Imagegründen nachvollziehbar, dass der größte Betrugsfall in der deutschen TV-Geschichte im Jubiläumsjahr mit Schweigen übergangen und nicht etwa in der RTL-Show Anfang Januar unter der Rubrik ?die größten Skandale? thematisiert wurde. Ein einmaliger Skandal, der die Glaubwürdigkeit des Fernsehjournalismus im Mark traf, schlummert in den Giftschränken der Senderarchive seit einem Jahrzehnt dem Vergessen entgegen.

 

Die Akteure darin: ein zwielichtiger freier Autor und ein  freischaffender TV-Star. Beide sorgen genau ein Jahr lang dafür, dass die eher distinguierte TV-Branche mal mehr, mal weniger subtil aneinander gerät und sich mit Vorwürfen überschüttet. Ganz zur Freude ihrer Berufskollegen, die dieses Auflagen und Quoten garantierende Branchenereignis bis ins letzte Detail für ihre Leser und Zuschauer in Szene setzen.